
Mehr Leinwände als wir sehen
Wenn ich in Workshops oder Strategiegesprächen frage, wie viele Strategien das Unternehmen eigentlich hat, kommt meistens dieselbe Antwort: Eine. Die Unternehmensstrategie. Manchmal noch eine Innovationsstrategie oder eine Marketingstrategie. Und dann wird es still.
Dabei ist die Realität eine völlig andere.
In meiner Arbeit mit Unternehmen unterschiedlichster Größe und Branche erlebe ich immer wieder dasselbe Phänomen: Strategien existieren auf deutlich mehr Ebenen, als wir spontan wahrnehmen.
Sie steuern Entscheidungen in Bereichen, Abteilungen, Funktionen und Projekten, oft ohne dass jemand sie explizit so benennt. Sie wirken, aber sie bleiben unsichtbar. Das ist keine Kleinigkeit. Denn was unsichtbar ist, kann nicht inspirieren und auch nicht geführt werden.
Bekannte, publizierte und informelle Strategien
Es gibt Strategien, die jeder kennt und die in jedem Managementlehrbuch stehen. Die Unternehmensstrategie, die Wettbewerbsstrategie, die Wachstumsstrategie. Sie sind gut dokumentiert, oft intensiv diskutiert und regelmäßig aktualisiert.
Daneben gibt es eine wachsende Zahl von Strategien, die in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen haben und heute in vielen Unternehmen als eigenständige Disziplinen behandelt werden z.B. : KI-Strategie, Datenstrategie, ESG-Strategie, Cybersecurity Strategie.
Und dann gibt es die dritte Kategorie: die informellen Strategien. Jene Orientierungsrahmen, die in den Köpfen von Führungskräften existieren, die das Handeln eines Bereichs oder einer Abteilung prägen, ohne je auf Papier gebracht worden zu sein. Sie sind real. Sie wirken. Aber sie sind selten kohärent, selten explizit und selten mit der Gesamtstrategie des Unternehmens verzahnt.
Genau hier entsteht das, was ich den strategischen Weißraum nenne: Der große blinde Fleck zwischen dem, was oben entschieden wird, und dem, was unten ankommt und gelebt.
The Art of Strategy: Jede Strategie kann mehr Impact entfalten
Hier setzt The Art of Strategy an. Egal ob es sich um eine formelle Unternehmensstrategie handelt, um eine noch junge Bereichsstrategie oder um eine informelle Orientierung, die bislang nur in Präsentationen und Meetings existiert: jede Strategie kann klarer, wirkungsvoller und lebendiger werden.
The Art of Strategy behandelt Strategieentwicklung nicht als bürokratischen Planungsprozess, sondern als handwerkliche Meisterschaft.
Wie ein Gemälde entsteht eine Strategie in Schichten. Sie braucht eine Grundierung, bevor die erste Farbe aufgetragen wird. Sie braucht Komposition und Tiefe, bevor sie zur Vernissage freigegeben wird. Und sie braucht einen klaren Blickwinkel, ein Artist Statement, das erklärt, wofür sie steht.
Das Ergebnis sind keine dickeren Strategiedokumente. Das Ergebnis sind Strategien, die sichtbar sind, die erlebt werden können, die verstanden werden, die wirken und die Menschen in Bewegung setzen.
Die relevantesten Strategien für Unternehmen 2025/2026
Vor diesem Hintergrund habe ich eine Übersicht der aktuell relevantesten Strategien zusammengestellt.
Nicht als abschließende Liste, sondern als Einladung zur Reflexion: Welche dieser Strategien existieren in Ihrem Unternehmen bereits? Welche fehlen? Und welche schlummern noch als informelle Orientierung, ohne je explizit gemacht worden zu sein?
KI-Strategie Ein systematischer Rahmen, der definiert, wie Künstliche Intelligenz in Prozessen, Produkten und Entscheidungen eines Unternehmens eingesetzt wird. KI verändert nahezu jede Branche in einem Tempo, das strategische Passivität zur existenziellen Bedrohung macht. Unternehmen ohne klare KI-Strategie verlieren die Fähigkeit, ihre eigene Leinwand zu gestalten, bevor andere sie bemalen.
Resilienzstrategie Ein Konzept, das Unternehmen befähigt, externe Schocks wie Lieferkettenkrisen, geopolitische Verwerfungen oder Marktturbulenzen nicht nur zu überstehen, sondern gestärkt daraus hervorzugehen. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Optimierung allein kein tragfähiges Fundament ist. Wer Resilienz strategisch verankert, schafft eine Grundierung, die auch unter extremen Bedingungen trägt.
Nachhaltigkeitsstrategie (ESG-Strategie) Ein integrierter Ansatz, der ökologische, soziale und Governance-Ziele verbindlich in die Unternehmensentwicklung einbettet. Regulatorischer Druck durch CSRD und Lieferkettensorgfaltspflichten macht ESG vom Kür zum Pflichtprogramm. Investoren, Kunden und Talente entscheiden zunehmend auf Basis dieser Kriterien.
Datenstrategie Ein Rahmenwerk, das regelt, wie Daten als strategische Ressource erfasst, veredelt und genutzt werden. Daten sind der Rohstoff des digitalen Zeitalters, aber nur die wenigsten Unternehmen bearbeiten diesen Rohstoff mit der Sorgfalt eines Meisters. Ohne Datenstrategie bleibt KI ein stumpfes Werkzeug.
Transformationsstrategie Ein ganzheitlicher Plan, der beschreibt, wie ein Unternehmen sein Geschäftsmodell, seine Strukturen und seine Kultur grundlegend neu gestaltet. Digitalisierung, KI und Marktverschiebungen machen inkrementelle Anpassungen zunehmend wirkungslos. Transformation ist kein Projekt sondern ein dauerhafter Aggregatzustand strategischer Führung.
Talentmanagementstrategie Ein strategisches Konzept zur Gewinnung, Entwicklung und Bindung von Schlüsselkompetenzen, die die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens sichern. Der demografische Wandel und der globale Wettbewerb um Fachkräfte machen Talent zur knappsten und wertvollsten Ressource. Unternehmen, die hier keine klare Vision haben, malen ihr Zukunftsbild ohne die richtigen Farben.
Innovationsstrategie Ein strukturierter Ansatz, der festlegt, in welchen Feldern, mit welchen Methoden und welcher Ressourcenintensität ein Unternehmen neue Werte schafft. Innovation ohne Strategie ist Zufall, und Zufall ist kein Wettbewerbsvorteil. Unternehmen brauchen eine klare Komposition, bevor sie die ersten Pinselstriche setzen.
Plattform und Ökosystemstrategie Ein Konzept, das beschreibt, wie ein Unternehmen Wertschöpfungsnetzwerke aus Partnern, Kunden und Technologien aufbaut und orchestriert. Wettbewerb findet zunehmend zwischen Ökosystemen statt, nicht mehr zwischen einzelnen Unternehmen. Wer hier keine strategische Position einnimmt, wird Teil des Ökosystems anderer.
Customer Experience Strategie Ein systematischer Plan zur Gestaltung aller Berührungspunkte zwischen Unternehmen und Kunden mit dem Ziel, außergewöhnliche Erlebnisse zu schaffen. In gesättigten Märkten ist das Kundenerlebnis das letzte und dauerhafteste Differenzierungsmerkmal. Unternehmen, die hier strategisch investieren, schaffen Werke, die im Gedächtnis ihrer Kunden hängen bleiben.
Geopolitische Strategie (Supply Chain Strategie) Ein Ansatz, der globale politische Risiken, Abhängigkeiten und Chancen systematisch in unternehmerische Entscheidungen integriert. Reshoring, Nearshoring und geopolitische Spannungen machen die Optimierung von Lieferketten und Marktpräsenzen zur strategischen Notwendigkeit. Wer Geopolitik ignoriert, malt auf einer Leinwand, die andere jederzeit wegziehen können.
Bereichs und Abteilungsstrategie Ein eigenständiger strategischer Rahmen für organisatorische Einheiten unterhalb der Unternehmensebene, der die spezifische Rolle und den Beitrag eines Bereichs zur Gesamtstrategie definiert. Der strategische Weißraum zwischen Unternehmensstrategie und operativem Alltag kostet Unternehmen enorme Reibungsverluste und Ressourcen. Bereiche und Abteilungen, die ihre eigene Strategie besitzen, handeln aus einer Haltung heraus, nicht nur auf Anweisung.
Cybersecurity Strategie Ein umfassendes Konzept zum Schutz digitaler Infrastrukturen, Daten und Geschäftsprozesse vor externen und internen Bedrohungen. Die Angriffsfläche wächst mit jeder Digitalisierungsinitiative exponentiell, während die Angreifer professioneller und staatlich unterstützt agieren. Cybersecurity ist kein IT-Thema mehr sondern ein strategisches Führungsthema auf Boardebene.
HR-Strategie Ein übergeordneter Plan, der definiert, wie das Personalmanagement eines Unternehmens zur Erreichung der Unternehmensziele beiträgt und welche Prinzipien das gesamte Mitarbeitererlebnis prägen. In einer Arbeitswelt, die durch KI, demografischen Wandel und neue Wertvorstellungen der Generationen Y und Z fundamental umgeschrieben wird, ist eine reaktive Personalpolitik kein tragfähiges Fundament mehr. Eine starke HR-Strategie ist die Leinwand, auf der Unternehmenskultur erst sichtbar wird.
Weiterbildungsstrategie Ein systematisches Konzept, das festlegt, welche Kompetenzen ein Unternehmen aktiv aufbaut, um sowohl aktuelle als auch zukünftige strategische Anforderungen mit eigenem Talent zu erfüllen. Die Halbwertszeit von Fachwissen sinkt rapide, während die Geschwindigkeit technologischer Veränderung steigt, was Weiterbildung von einem HR-Instrument zu einem strategischen Wettbewerbshebel macht. Unternehmen, die das Können ihrer Menschen systematisch veredeln, besitzen einen Schatz, den kein Wettbewerber kurzfristig kopieren kann.
Marketingstrategie Ein integrierter Rahmen, der definiert, wie ein Unternehmen seine Zielgruppen erreicht, seine Positionierung kommuniziert und nachhaltigen Markenwert aufbaut. In einer Welt permanenter Reizüberflutung gewinnen nur die Unternehmen Aufmerksamkeit, die mit Klarheit, Konsequenz und einem unverwechselbaren Stil auftreten. Eine starke Marketingstrategie ist das Artist Statement des Unternehmens nach außen, der unverwechselbare Handschrift, an der man es sofort erkennt.