
Ich sage das jetzt nach über 20 Jahren in der Strategiearbeit mit aller Klarheit: „Die Art, wie die meisten Unternehmen aktuell noch Strategie machen, ist grundlegend falsch!“
Nicht ein bisschen falsch. Nicht optimierungsbedürftig. Grundlegend falsch!
Eine kleine Beobachtung aus der Praxis
Stell dir vor, du betrittst ein Atelier. Der Künstler zeigt dir ein Bild, das er vor 18 Monaten skizziert hat. Er erklärt dir, dass er seitdem akribisch daran gearbeitet hat, diese erste Skizze möglichst genau umzusetzen. Strich für Strich. Ohne Abweichung von seiner Idee.
Du fragst ihn: „Aber das Licht hat sich doch verändert. Der Blickwinkel auch. Siehst du das nicht?“
Er nickt. Und malt weiter. Genau so machen es die meisten Unternehmen mit ihrer Strategie.
Was Strategiearbeit heute wirklich bedeutet
Strategien, die von Ingenieuren, Kaufleuten oder Managern plangetrieben und durch gewohnte lineare Ableitungen erstellt werden, funktionieren in der heutigen Welt nicht mehr.
Das ist kein Methoden Hype. Das ist meine beobachtete und erlebte, aktuelle Realität in unserer Zeitenwende.
Die Randbedingungen verändern sich schneller als klassische Strategiezyklen reagieren können. Klassische Strategiezyklen dauern mindestens 18 bis 24 Monate. Die Realität verändert sich aber schon in 12 bis 18 Wochen. Risiken, Technologien und Märkte sind so eng vernetzt, dass kleine Verschiebungen große Effekte auslösen.
Und trotzdem sitzen Führungsteams in Strategieklausuren, destillieren Analysen zu PowerPoint Folien, einigen sich auf einen Dreijahresplan und nennen das dann Strategie.
Das ist kein Kunstwerk. Das ist ein gut dokumentierter Irrtum.
Das Assumption Drift Problem
Niemand lügt in der Strategieklausur. Aber alle schweigen, wenn Annahmen stillschweigend veralten!
Ohne ein aktives Wegnehmen und Übermalen akkumuliert sich stiller Irrtum über Jahre. Das Unternehmen glaubt, es führt Strategie. Es verwaltet in Wirklichkeit nur eine Fiktion.
Ich erlebe das in nahezu jedem Unternehmen, mit dem ich arbeite. Die Strategie ist fertig. Sie ist schön formuliert. Sie ist gut präsentiert. Und sie ist längst überholt.
Denn die Wirklichkeit malt immer mit.
Strategie denken wie ein Künstler – „The Art of Strategy“
„Ich arbeite wie ein Stratege und denke wie ein Künstler.“ Das ist keine Floskel. Das ist mein ernst gemeintes Weltbild.
Ein Gemälde entsteht nicht in einem Zug. Es entsteht in Schichten. Zuerst die Skizze. Dann die Grundierung. Dann die erste Farbschicht. Dann die Reduktion. Dann die Übermalung. Dann die Verdichtung. Dann der Firnis.
Und jede Schicht wird in Dialog mit der Wirklichkeit aufgebaut.
Das ist The Art of Strategy: Strategie nicht als fertigen Plan, sondern als lebendiges Kunstwerk. Aufgebaut in Schichten. Geschärft durch gezieltes Übermalen. Immer im Dialog mit dem, was wirklich passiert.
Woran erkennen Sie, dass Ihre Strategie KEIN Kunstwerk ist?
Typische Signale:
- Strategie wird einmal im Jahr gemacht und danach verwaltet
- Niemand traut sich, veraltete Annahmen offen anzusprechen
- Das Bild ist so voll, dass niemand mehr sagen kann, was wirklich Priorität hat
- Teams arbeiten parallel und gegeneinander, ohne es zu merken
- Nach dem Strategieworkshop kehrt der Alltag zurück wie vorher
Wenn Ihr strategisches Bild alles enthält, enthält es nichts mehr.
Was sofort anders werden kann
Strategie braucht keinen neuen Plan. Sie braucht einen neuen Blick.
Erstens: Trennt Vision und Umsetzung sauber. Die Vision braucht Klarheit und Haltung. Die Umsetzung braucht Schichten, Feedback und Übermalungsbereitschaft.
Zweitens: Führt ein Übermalungsprotokoll ein. Welche Annahmen haben sich verändert? Was malen wir bewusst über? Was streichen wir, damit das Bild schärfer wird?
Drittens: Schafft einen Atelier Rhythmus. Strategie lebt nicht durch Einmaligkeit. Sie lebt durch regelmäßige Reviews, ehrliche Korrekturen und den Mut, das Bild immer wieder anzufassen.
Viertens: Formuliert ein Artist Statement. Nicht als schickes Leitbild. Sondern als echte strategische Identität. Für was steht ihr wirklich? Was würde fehlen, wenn es euch morgen nicht mehr gäbe?
Fünftens: Startet keine Folienverkündung. Startet eine Vernissage. Strategie wirkt, wenn sie im Dialog beginnt, nicht als Verkündung von oben.
Strategie ist Führungskunst
Der entscheidende Unterschied zwischen Organisationen, die in volatilen Märkten gestalten, und solchen, die nur reagieren, ist nicht Intelligenz. Nicht Budget. Nicht Technologie.
Es ist die Fähigkeit, Strategie als lebendes, atmendes Kunstwerk zu führen. Stur in der Richtung. Radikal flexibel im Weg.
Die entscheidende Frage lautet nicht: Haben wir eine Strategie?
Sondern: Lebt unsere Strategie noch?
Wenn Sie beginnen wollen, starten Sie mit einer einzigen Übermalung. Nehmen Sie eine Kernannahme aus Ihrem letzten Strategiezyklus. Prüfen Sie, ob sie heute noch stimmt. Und wenn nicht, malen Sie offen und mutig darüber.
Denn Kunst, die nicht mehr angerührt wird, verblasst.